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Der Autor

Timo Storck, Prof. Dr. phil., Jahrgang 1980, ist Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Psychologischen Hochschule Berlin, Psychoanalytiker (DPV/IPA) und Psychologischer Psychotherapeut (AP/TP). Studium der Psychologie, Religionswissenschaften und Philosophie an der Universität Bremen, Diplom 2005. Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Bremen (2006–2007), Kassel (2009–2015) sowie an der Medizinischen Universität Wien (2014–2016). Promotion an der Universität Bremen 2010 mit einer Arbeit zu künstlerischen Arbeitsprozessen, Habilitation an der Universität Kassel 2016 zum psychoanalytischen Verstehen in der teilstationären Behandlung psychosomatisch Erkrankter. Mitherausgeber der Zeitschriften Psychoanalyse – Texte zur Sozialforschung und Forum der Psychoanalyse sowie der Buchreihe Im Dialog: Psychoanalyse und Filmtheorie, Mitglied des Herausgeberbeirats der Buchreihe Internationale Psychoanalyse. Forschungsschwerpunkte: psychoanalytische Theorie und Methodologie, psychosomatische Erkrankungen, Fallbesprechungen in der stationären Psychotherapie, Kulturpsychoanalyse, konzeptvergleichende Psychotherapieforschung.

Timo Storck

Übertragung

Verlag W. Kohlhammer

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1. Auflage 2020

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-037571-0

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pdf:      ISBN 978-3-17-037572-7

epub:   ISBN 978-3-17-037573-4

mobi:   ISBN 978-3-17-037574-1

Inhalt

  1. Vorwort
  2. 1 Einleitung
  3. 2 Das psychoanalytische Konzept der Übertragung: Grundlagen, Verbindungen und Variationen
  4. 2.1 Die Entwicklung des Übertragungskonzepts bei Freud
  5. 2.1.1 Ursprünge des Konzepts in den Studien über Hysterie
  6. 2.1.2 Eine weite Begriffsfassung von Übertragung in der Traumdeutung
  7. 2.1.3 Übertragung und analytische Beziehung
  8. 2.1.4 Freuds »Bemerkungen über die Übertragungsliebe«
  9. 2.2 Konzeptuelle Zusammenhänge
  10. 2.3 Fallbeispiel Nina
  11. 3 Die Gegenübertragung des Psychoanalytikers
  12. 3.1 Übertragung als »Gesamtsituation«
  13. 3.1.1 Zum Ansatz Melanie Kleins
  14. 3.1.2 Nicht-personale Aspekte der Übertragung
  15. 3.1.3 Das Arbeiten »im Hier und Jetzt«
  16. 3.2 Gegenübertragung in konzeptgeschichtlicher Perspektive
  17. 3.2.1 Freuds Ringen mit der Gegenübertragung
  18. 3.2.2 Die Auffassung der Gegenübertragung bei Paula Heimann
  19. 3.2.3 Weitere Facetten bei Margaret Little und Roger Money-Kyrle
  20. 3.3 Ausgewählte Aspekte der Gegenübertragung
  21. 3.3.1 Konkordante und komplementäre Identifizierung
  22. 3.3.2 Bereitschaft zur Rollenübernahme
  23. 3.3.3 Zum Konzept der »Eigenübertragung«
  24. 3.3.4 Die Müdigkeitsreaktion
  25. 3.4 Fallbeispiel Frau C.
  26. 4 Übertragungsformen bei verschiedenen psychischen Störungen
  27. 4.1 Das Konzept der projektiven Identifizierung
  28. 4.1.1 Begriffliche Grundlagen: Projektion, Introjektion, Identifizierung
  29. 4.1.2 Projektive Identifizierung bei Melanie Klein und Wilfred Bion
  30. 4.1.3 Nordamerikanische Perspektiven auf die projektive Identifizierung
  31. 4.1.4 Vorschlag zur Präzisierung
  32. 4.2 Übertragung bei unterschiedlichen psychischen Störungen
  33. 4.2.1 Übertragung bei neurotischen Störungen
  34. 4.2.2 Übertragung bei Persönlichkeitsstörungen
  35. 4.2.3 Übertragung bei psychosomatischen Erkrankungen
  36. 4.2.4 Übertragung bei psychotischen Störungen
  37. 4.2.5 Zusammenfassung
  38. 5 Übertragung, Gegenübertragung und Veränderungsprozess in psychoanalytischen Behandlungen
  39. 5.1 Zur Frage von »Übertragungsgefühlen«
  40. 5.2 Das Konzept der therapeutischen Ich-Spaltung
  41. 5.3 Übertragung und Gegenübertragung in unterschiedlichen psychoanalytischen Richtungen
  42. 5.3.1 Strukturale Psychoanalyse
  43. 5.3.2 Selbstpsychologie
  44. 5.3.3 Relationale Psychoanalyse
  45. 5.4 Veränderungsprozesse unter Nutzen der Übertragung
  46. 5.4.1 Regressionsförderung
  47. 5.4.2 Abstinenz
  48. 5.4.3 Szenisches Verstehen
  49. 5.4.4 Deutung
  50. 5.4.5 Durcharbeiten
  51. 5.4.6 Durcharbeiten in der Gegenübertragung
  52. 5.5 Forschungsperspektiven zur Übertragungsdeutung
  53. 5.6 Fallbeispiel Andrew
  54. 6 Übertragung interdisziplinär
  55. 6.1 Beispiele für die Spezifität der Psychoanalyse
  56. 6.1.1 Gegenübertragungsträume
  57. 6.1.2 Arbeit in der Übertragung und Arbeit an der Übertragung
  58. 6.2 Übertragung und (Entwicklungs-) Psychologie
  59. 6.2.1 Bindungstheorie
  60. 6.2.2 Generalisierte Interaktionsrepräsentationen
  61. 6.3 Konzeptionen der Beziehung in anderen psychotherapeutischen Verfahren
  62. 6.3.1 Kognitive Verhaltenstherapie und »dritte Welle«
  63. 6.3.2 Systemische Therapie
  64. 6.3.3 Gesprächspsychotherapie und humanistische Ansätze
  65. 6.3.4 Der Beitrag der Psychoanalyse
  66. 6.4 Fallbeispiel
  67. 7 Zusammenfassung und Ausblick
  68. Literatur
  69. Verzeichnis der zitierten Medien
  70. Stichwortverzeichnis

Vorwort

 

 

 

Beim vorliegenden Band handelt es sich um eine bearbeitete Mitschrift von fünf öffentlichen Vorlesungen, die ich im Wintersemester 2018/2019 an der Psychologischen Hochschule Berlin gehalten habe. Die Vorlesungsreihe ist Teil eines Projekts zu den Grundelementen psychodynamischen Denkens, in dem es unter der dreifachen Perspektive »Konzeptuelle Kritik, klinische Praxis, wissenschaftlicher Transfer« darum geht, sich mit psychoanalytischen Konzepten auseinander zu setzen: Trieb (Band I), Sexualität und Konflikt (Band II), dynamisch Unbewusstes (Band III), Objekte (Band IV), Übertragung (Band V), Abwehr und Widerstand (Band VI), Ich/Selbst (Band VII) und Deutung (Band VIII). Ziel ist dabei, sowohl in der öffentlichen Diskussion als auch im vorliegenden Format einer Reihe von Buchpublikationen eine Art kritisches Kompendium psychoanalytischer Konzepte zu entwickeln, ohne dabei den Anschluss an das Behandlungssetting oder den wissenschaftlichen Austausch zu vernachlässigen. Wenn es um Grundelemente psychodynamischen Denkens gehen soll, dann soll damit auch der Hinweis darauf gegeben werden, dass aus Sicht der Psychoanalyse jedes, also auch das wissenschaftliche, Denken selbstreflexiv ist: Das Denken über Psychodynamik ist unweigerlich selbst psychodynamisch, d. h. es erkundet die Struktur der Konzeptzusammenhänge auch auf der Ebene der Bedeutung von Konzeptbildung selbst.

Für ein solches Vorgehen ist das Werk Freuds der Ausgangs- und ein kontinuierlicher Bezugspunkt. Mir geht es um eine genaue Prüfung dessen, was Freud mit seinen Konzepten »vorhat«, d. h. welche Funktion diese haben und welches ihr argumentativer Status ist. Dabei soll nicht eine bloße Freud-Exegese geschehen, sondern eher ein Lesen Freuds »mit Freud gegen Freud« – Es wird deutlich werden, dass der grundlegende konzeptuelle Rahmen, den Freud seiner Psychoanalyse gibt, es auch erlaubt aufzuzeigen, wo er hinter den Möglichkeiten seiner Konzeptbildung zurück bleibt.

Über den Ausgangspunkt der Vorlesungen erklärt sich die Form des vorliegenden Textes, der nah an der gesprochenen Darstellung verbleibt. Auch sind, wie in jeder Vorlesung, eine Reihe von inhaltlichen Bezugnahmen auf Arbeiten anderer Autoren eingeflossen, die mein Denken grundlegend beeinflussen, ohne dass durchgängig im Detail eine Referenz erfolgen kann.

Bedanken möchte ich mich bei den Teilnehmenden an den öffentlichen Vorlesungen für ihr Interesse, sowie beim Kohlhammer Verlag, namentlich Ruprecht Poensgen und Annika Grupp, für die Unterstützung bei der Vorlesung und der Veröffentlichung. Außerdem danke ich Caroline Huss für die Anfertigung von Transkripten zur Audio-Aufzeichnung der Vorlesung. Cornelia Weinberger, Mona Brettschneider und Marko Walther gebührt Dank für die planerische und technische Unterstützung bei der Durchführung der Vorlesungen. Merve Winter hat mich bei der Durchführung von Rollenspielen unterstützt, auch dafür vielen Dank. Der Psychologischen Hochschule Berlin danke ich schließlich für die Möglichkeit, eine solche Vorlesungsreihe durchzuführen.

 

Heidelberg, November 2019
Timo Storck

1          Einleitung

 

 

 

Wissenschaftliche Konzepte versuchen, methodisch geleitetet die Phänomene der Erfahrung auf den Begriff zu bringen. Sie sind dabei notwendigerweise Abstrakta, also keine Dinge, die sich so in der Welt finden lassen. Wir können nicht »die Übertragung« oder »den Trieb« beobachten und als solche erkennen, sondern es handelt sich um Konzepte, die sich auf Phänomene beziehen. Konzepte, erst recht wissenschaftliche, brauchen eine argumentative Schlüssigkeit und die begrifflichen Zusammenhänge, in welche die Phänomene der Erfahrung gestellt werden, müssen »sparsam« genug sein. Neben diesen beiden Merkmalen von Konzepten und Konzeptbildung (argumentative Schlüssigkeit, Sparsamkeit) lässt sich als drittes der Kontext eines methodischen Zugangs nennen (d. h. der Erfahrungswelt in beschreibbarer und nachvollziehbarer Weise zugewandt). Die Psychoanalyse geht dabei vom Einzelfall der klinischen Situation aus und versucht zu konzeptualisieren, was sich dort ereignet. Dabei liegt die Verallgemeinerung auf der Ebene der Konzeptbildung und weniger auf derjenigen der Vorhersagbarkeit.

Von diesem Ausgangspunkt aus ist es in vorangegangenen Arbeiten um das Konzept des Triebes gegangen (Storck, 2018a). Über den Trieb, von Freud (1915c, S. 214) als »Grenzbegriff« zwischen Psyche und Soma bezeichnet, also gleichsam in einer Scharnier- oder Vermittlungsfunktion zwischen beiden, lässt sich thematisieren, wie sich Physiologie-nahe Erregung in psychisches Erleben umsetzt. In diesem Sinn lässt sich vom Trieb als einem psychosomatischen Konzept sprechen. Hinzu treten zwei weitere Merkmale: Im Triebkonzept wird zum einen eine sozialisatorische Dimension beschrieben (statt einer ethologischen oder instinkthaften), insofern das, was konzeptuell »Trieb« genannt wird, durch körperliche Interaktion (und damit durch soziales Geschehen) hervorgerufen wird. Durch die Wirkung von Berührungserfahrungen in der frühen Entwicklung wird dem Erleben die Aufgabe gegeben, sich darauf einen repräsentatorischen »Reim« zu machen. Zum anderen erscheint in dieser Perspektive »Trieb« monistisch (statt dualistisch, wie überwiegend in der Freud’schen Konzeption der Fall), insofern sich nicht verschiedene Qualitäten dieser Vermittlungsfunktion beschreiben lassen, so dass das Konzept in der Folge Teil einer Theorie der allgemeinen Motivation des Psychischen ist. Es hilft, begreiflich zu machen, wie Psychisches als solches motiviert ist, und sagt selbst noch nichts aus über den Inhalt spezifischer motivationaler Zustände.

Eine psychoanalytische Theorie der speziellen Motivation kann im Konfliktbegriff gefunden werden (Storck, 2018b). Dieser lässt sich grundlegend über das psychoanalytische Verständnis der Sexualität begreifen: Hier geht es um einen erweiterten Begriff von Sexualität als infantile Psychosexualität. Darin geht es um eine Betrachtungsweise, die Lust und Unlust im Zusammenhang mit körperlichen Empfindungen (nicht nur genitalen) als erste und wichtigste Strukturierungsprinzipien des Psychischen begreift. Hier werden die Phasen der psychosexuellen Entwicklung leitend (oral, anal, phallisch-ödipal), bezüglich derer sich eine eher konkretistische, körpernahe und eine »thematische« Lesart unterscheiden lassen. Oralität etwa nimmt ihren Ausgangspunkt von konkreten Entwicklungsaufgaben und phasentypischen Interaktionen, die mit Körperlichkeit zu tun haben, steht aber im Verlauf in einer Linie, bei der es um Fragen nach Versorgung und Bedürfnissen geht. Kindliche Sexualität ist psychoanalytisch betrachtet partialtriebhaft, d. h. noch nicht »vereinigt« unter dem »Primat« genitaler Sexualität und Befriedigung. Im Hinblick auf Sexualität und Konflikttheorie ist die Konzeption ödipaler Konflikte in Betracht zu ziehen: In zeitgenössischer Hinsicht lassen sich diese als Entwicklungsaufgabe (und psychisches Strukturierungsprinzip) verstehen, in der es sich um die Auseinandersetzung mit Generationen- und Geschlechterunterschieden dreht sowie mit der Möglichkeit, aus Beziehungen zwischen anderen prinzipiell relativ und passager ausgeschlossen sein zu können. In der psychischen Entwicklung ist es vonnöten, erkennen und tolerieren zu können, dass die eigenen Beziehungspartner auch zueinander in Beziehung stehen und sich so ein Geflecht aus Beziehungen aufspannt. Neben Konflikten in motivationaler Hinsicht lassen sich Konflikte auf repräsentationaler Ebene beschreiben, zum Beispiel die Notwendigkeit, widerstreitende Affekte und damit unterschiedliche Teile der Repräsentanz vom Selbst und anderen überein zu bekommen. Die Psychoanalyse setzt sich dabei insbesondere mit unbewussten Konflikten auseinander.

In der Folge stand daher das Konzept des dynamisch Unbewussten im Zentrum (Storck, 2019b). Freuds Anliegen war es, eine Metapsychologie zu entwerfen, was in seinen Begrifflichkeiten auf eine Theorie des Psychischen verweist, die ein psychisch Unbewusstes einbegreift. Sein psychoanalytischer Beitrag besteht darin, dies als ein dynamisch Unbewusstes zu beschreiben, das mit einem innerpsychischen (konflikthaften) Kräftespiel von Wunsch und Verbot, von drängenden und verdrängenden Kräften zu tun hat. So wird etwas vom bewussten Erleben ausgeschlossen, weil es Unlust nach sich ziehen würde (bzw. mehr Unlust als Lust), in Form von Schuldgefühlen, Scham oder Angst. Dabei kann von einer »Verhältnishaftigkeit« des Unbewussten ausgegangen werden, das sich im Verhältnis zwischen Vorstellungen und Affekten zeigt und zugleich verbirgt. Von besonderer Bedeutung ist dabei gewesen, der Frage nach den Möglichkeiten der »validen« klinischen Arbeit mit Unbewusstem nachzugehen. Hier ist das Konzept des szenischen Verstehens wertvoll, in dem umschrieben ist, dass für Analytiker1 und Analysandin etwas Unbewusstes dann spürbar wird, wenn es sich in der aktuellen Beziehung zwischen beiden zeigt.

Im nächsten Schritt ging es um die psychischen Objekte (Storck, 2019c). »Objekte« ist die psychoanalytische Bezeichnung für die Elemente der Repräsentanzwelt, terminologisch zurückzuführen auf ein triebtheoretisches Vokabular, in dem es um die »Objekte« psychischer Besetzung geht. Zentral ist dabei der Begriff der Objektrepräsentanz, ich habe den Vorschlag gemacht, den Begriff »Objekte« für die Elemente des Psychischen zu »reservieren« und statt von »äußeren Objekten« von »Gegenüber« oder »anderer Person« zu sprechen. Dabei ist besonders wichtig, dass Objekte notwendigerweise mit Selbst-Aspekten verbunden sind: Psychische Strukturen bilden sich als Internalisierungen von Interaktionen, in jedem Stadium psychischer Reife stehen Objektrepräsentanzen mit Selbstrepräsentanzen in Verbindung: Objekte gehören zur subjektiven psychischen Welt. Es lassen sich unterschiedlichen Formen der Internalisierung unterscheiden, so etwa Introjektion (als »Aufrichtung« bzw. Bildung der Objekte), Identifizierung (als Veränderung zwischen Selbst und Objekten) und Inkorporation (als Fantasie darüber, das Objekt in sich zu haben). In Behandlungen zeigen sich Teile der Objektwelt von Analysandinnen nicht nur in direkten oder indirekten figürlichen Schilderungen, sondern sie können auch Ausdruck in eher atmosphärischen Berichten (z. B. über Stimmungen oder Landschaften) finden und nicht zuletzt in der analytischen Beziehung spürbar werden.

Das führt zur vorliegenden Untersuchung des Konzepts der Übertragung. (Frühe) Beziehungserfahrungen beeinflussen das aktuelle Erleben von Beziehung und Interaktion. Dass dabei die Eltern eine vorrangige Rolle spielen, hat längst Einzug in die Populärkultur erhalten. Gibt man etwa den Suchbegriff »daddy issues« bei Google ein, erhält man eine Trefferzahl von knapp fünf Millionen (während es bei »mommy issues« nur eine halbe Million ist).

In Loriots »Klassiker« Ödipussi (Loriot, 1988) wird titelgemäß die konflikthafte Beziehung des Protagonisten Paul Winkelmann zu seiner Mutter zum Thema. Wir sehen ihn dabei, wie er eine weibliche Bekanntschaft als Gast in seiner Wohnung empfängt. Sie macht ihm ein Kompliment, dass er es »hübsch hier« habe, er erwidert, es reiche ihm: »Ich bin ja auch meistens bei meiner…« und bricht dann ab. Winkelmann spricht daraufhin, als Mitarbeiter eines Einrichtungsgeschäfts, über die Möbel in seiner Wohnung (die zum Teil Informationsplaketten tragen), während sich sein Besuch umsieht – und ein aufgestelltes Foto seiner Mutter findet. Er sagt: »Ja, das ist ma-ma-meine, meine Mutter, eine ganz, ganz famose Person. Ganz famos. Und das hier ist ein Sitz- und Schlaf-Kombi-Möbel…« Winkelmann hat einen Hefezopf gebacken. Als er ihn serviert, bekommt er ein Lob dafür, dass er ihn selbst gebacken habe, er meint: »Nach einem Rezept meiner Mutter«. Etwas später fragt sie ihn: »Sie hängen sehr an Ihrer Mutter?« Er verschluckt sich und beteuert übereilig: »Ja, schon. Jeder hängt ja wohl an seiner Mutter.« Die angestrengte und knappe Kommunikation wird von Winkelmann kurz darauf euphorisch mit »Mit Ihnen kann man wirklich über alles reden« kommentiert, bevor er sagt, er werde ihr nun etwas sagen, das er bisher einmal in seinem Leben zu einer Frau gesagt habe: Er würde sich mit ihr in einer Tonne die Niagarafälle runtertreiben lassen: »Das habe ich bisher nur zu meiner Mutter gesagt«. Sie erwidert »Da würde ich Sie dann doch bitten, lieber mit Ihrer Frau Mutter zu reisen…«

Hier zeigt sich, wie dem Protagonisten die psychische Repräsentation der Mutter dazwischenfunkt, wenn er eine Frau trifft, und er kaum von etwas anderem reden kann als seiner Mutter. Denkt man psychoanalytisch darüber nach, was hier zu sehen ist, dann geht es zunächst einmal darum, dass wir etwas an unserer Beziehungsbiografie mit uns herumtragen und dass dadurch gefärbt wird, wie wir aktuelle Beziehungen erleben. Interaktionen mit anderen schlagen sich psychisch in Beziehungsvorstellungen nieder und diese Beziehungsvorstellungen oder -repräsentanzen (im Weiteren gleichbedeutend verwendet) färben unser Erleben: Wie färbt unsere Vergangenheit unsere Gegenwart, aber auch: Wie färbt die Gegenwart unseren Rückblick auf die Vergangenheit? Dem kann in einer Untersuchung des Übertragungskonzepts nachgegangen werden (vgl. für umfassende Überblicksarbeiten und kritische Bewertungen z. B. Mertens, 1990; Zepf, 2006; Bettighofer, 2016; Körner, 2018).

Zunächst (image Kap. 2) wird es dabei um die Grundidee des Konzeptes in der freudianischen Psychoanalyse gehen (in zwei verschiedenen Begriffsfassungen), im Anschluss daran (image Kap. 3) um korrespondierende Prozesse und Zustände beim Analytiker, also um die Gegenübertragung. Danach (image Kap. 4) stehen unterschiedliche Formen der Übertragung bei verschiedenen psychischen Störungen im Zentrum, bevor es um die behandlungstechnische Arbeit mit Übertragung und Gegenübertragung gehen wird (image Kap. 5). Abschließend erfolgt ein interdisziplinärer und psychotherapieschulen-übergreifender Blick auf die Übertragung (image Kap. 6) und eine Zusammenfassung samt Ausblick (image Kap. 7).

1    Um darzustellen, dass immer alle Geschlechter gemeint sind, werde ich die grammatikalischen Geschlechter weitgehend abwechselnd verwenden (Ausnahmen entstehen durch Zitationen bzw. aus dem Versuch heraus, jeweils die Rolle des/der Analysierenden und des/der Analysierten abzuwechseln). Damit ist im Einzelnen also kein inhaltlicher Akzent gesetzt, sondern es sind die jeweils anderen Geschlechter ebenso gemeint.

2          Das psychoanalytische Konzept der Übertragung: Grundlagen, Verbindungen und Variationen

 

 

 

Es geht also, insbesondere unter Rückgriff auf die Überlegungen zum dynamisch Unbewussten und zur Objektrepräsentanz, darum, was an (Beziehungs-) Vorstellungen nicht bewusst zugänglich und trotzdem leitend ist, und andere Formen findet, sich bemerkbar zu machen. Darauf gibt das Konzept der Übertragung eine Antwort.

In einer Folge der TV-Serie The Sopranos (»Pax Soprana«, 1999) sehen wir den Protagonisten Tony Soprano, einen Mafiaboss, der wegen Angstattacken eine Psychotherapie bei Dr. Melfi begonnen hat. Er spricht über Schwierigkeiten in seiner Ehe und u. a. eine Erektionsstörung. Er habe deshalb seiner Frau vorgeschlagen, sich sexyer anzuziehen. Seine Therapeutin greift das auf und spricht darüber, dass sich nicht jede Frau damit wohlfühle, Reizwäsche zu tragen. Tony antwortet, dass es ihm nicht darum gehe – manche Frauen seien sexy, wenn sie sich schlicht kleideten: »So wie Sie. Sie spielen es runter. Es ist offensichtlich, dass Sie einen Hammerkörper darunter haben.« Sie sei zart, nicht laut, wie eine Mandoline. Tony steht auf und beginnt, Dr. Melfi zu küssen, doch sie wehrt ihn ab. Angesichts ihrer Grenzsetzung (und dem Ende der Stunde) verlässt Tony gekränkt die Praxis.

Dass ein Analysand Gefühle, unter diesen eine erotische Anziehung oder Verliebtheit, entwickelt, ist kein Zufall, sondern Teil dessen, dass sich Gefühle, Wünsche, Fantasien und anderes in der therapeutischen Beziehung aktualisieren. Freud hat mit der Beschreibung der Übertragung (und Gegenübertragung) dafür eine konzeptuelle Rahmung bereitgestellt.

2.1       Die Entwicklung des Übertragungskonzepts bei Freud

Gleichwohl muss beachtet werden, dass sich das behandlungstechnische Konzept der Übertragung erst im Verlauf und in Auseinandersetzung mit einigen anderen Annahmen entwickelt hat.

2.1.1     Ursprünge des Konzepts in den Studien über Hysterie

In Freuds Entwicklung der Psychoanalyse als »talking cure« (Freud, 1910a, S. 7) gibt es einige Einflussfaktoren und Vorläufer. Im Anschluss an die Hypnose als einem wichtigen Ausgangspunkt entwickelt Freud den Gedanken einer »Druckprozedur« (1895d, S. 307): Er nimmt vorübergehend an, dass – auch ohne Hypnose – den auf der Couch liegenden Analysandinnen Wesentliches zu den Ursachen ihrer Erkrankung einfallen würde, wenn er ihnen auf die Stirn drückte: »Ich teile dem Kranken mit, daß ich im nächsten Momente einen Druck auf seine Stirne ausüben werde, versichere ihm, daß er während dieses ganzen Druckes eine Erinnerung als Bild vor sich sehen oder als Einfall in Gedanken haben werde, und verpflichte ihn dazu, dieses Bild oder diesen Einfall mir mitzuteilen« (Freud, 1895d, S. 270). Wenig verwunderlich ist, dass er dies bald zur Methode einer Arbeit mit der freien Assoziation abändert – nun geht es um das freie Folgen der Einfälle und ein möglichst spontanes Sprechen, auch ohne Druck auf die Stirn. Dabei stößt Freud auf ein »Hindernis«, jedoch kein inhaltliches (bezogen auf die Denkprozesse und -inhalte), sondern ein »äußerliches«, das mit der Beziehung zum Arzt zu tun habe: »[W]enn das Verhältnis des Kranken zum Arzte gestört ist«, bedeute es »das ärgste Hindernis, auf das man stoßen kann«. Bereits in diesem Kontext beschreibt er also hemmende Elemente des Behandlungsprozesses, und zwar in allgemeiner Form: »Man kann […] in jeder ernsteren Analyse darauf rechnen« (a. a. O.), dass es Widerstandsphänomene gibt (vgl. Storck, in Vorb. a), also eine Art von Sträuben gegen die Veränderung, der mittels eines (professionellen) Beziehungsangebots begegnet wird. Zu dieser recht frühen Zeit der Entwicklung seines psychoanalytischen Werks geht es Freud bereits um Aspekte der therapeutischen Beziehung: »Ich habe bereits angedeutet, welche wichtige Rolle der Person des Arztes bei der Schöpfung von Motiven zufällt, welche die psychische Kraft des Widerstandes besiegen sollen. In nicht wenigen Fällen, besonders bei Frauen und wo es sich um Klärung erotischer Gedankengänge handelt, wird die Mitarbeiterschaft der Patienten zu einem persönlichen Opfer, das durch irgendwelches Surrogat von Liebe vergolten werden muß. Die Mühewaltung und geduldige Freundlichkeit des Arztes haben als solches Surrogat zu genügen.« (Freud, 1895d, S. 307f.). Hier geht es noch nicht direkt darum, dass die Analytikerin als jemand zur Verfügung steht, auf die sich die Gefühle stellvertretend richten, sondern dass sie mit ihrer unterstützenden, zugeneigten Haltung dabei hilft, das Opfer zu bringen, über Peinliches oder anderweitig Unangenehmes zu sprechen. Damit ist nun aber zugleich bereits darauf verwiesen, weshalb die analytische Beziehung so anfällig für Verliebtheitsgefühle ist: Es handelt sich um harte Arbeit und die Analytikerin stellt eine sehr intime und liebevolle Beziehung zur Verfügung. Auch aus Sicht des »frühen« Freuds zeigt sich hier allerdings nicht nur die zugewandte Haltung des Arztes (zur Überwindung des einen Widerstands, aber als Quelle eines anderen, nämlich dem Übertragungswiderstand), sondern auch eine Anklage ihm gegenüber, in der Beziehung selbst kann sich auch ein »gestörtes« Verhältnis zeigen, denn es »tritt der Kranken das Bewußtsein der Beschwerden dazwischen, die sich bei ihr gegen den Arzt angehäuft haben« (a. a. O., S. 308). Der Arzt ist Surrogat als Entschädigung für das Opfer der Überwindung der Peinlichkeit, aber auch Ziel verschiedenster anderer Gefühle.

Für Freud sind drei »Hauptfälle« von Widerstand unterscheidbar (a. a. O., S. 308f.). Dabei geht es erstens um die »leicht zu überwinden[de]« Widerstandsform, dass eine Patientin sich »beleidigt glaubt« oder »Ungünstiges über den Arzt und die Behandlungsmethode gehört« habe, was Freud als »eine Art von Missverständnis oder Fehleinschätzung« begreift. Als zweiten Fall nennt er die Furcht der Patientin, dem Arzt gegenüber ihre »Selbständigkeit« zu verlieren oder in (sexuelle) Abhängigkeit von ihm zu geraten. Darin liege ein Hemmnis, sich auf die Behandlung einzulassen, denn das Angewiesensein auf den Therapeuten liege »in der Natur der therapeutischen Bekümmerung«. Als dritte Form wird genannt: »Wenn die Kranke sich davor erschreckt, daß sie aus dem Inhalte der Analyse auftauchende peinliche Vorstellungen auf die Person des Arztes überträgt.« Hier beschreibt Freud den Kern des später genauer ausgeführten Übertragungskonzepts, indem es darum geht, dass der Analytiker nicht nur unterstützend dafür wirkt, mit Hemmnissen umzugehen, oder zum Ziel von Anklagen wird, sondern dass sich in der Beziehung zu ihm Gefühlsregungen zeigen, die mit psychischen Konflikten im Zusammenhang stehen. Freud spricht vom »regelmäßige[n] Vorkommen« in Analysen und meint, die »Übertragung auf den Arzt geschieht durch falsche Verknüpfung«.

Er veranschaulicht das Gemeinte durch das Beispiel aus einer Behandlung: »Ursprung eines gewissen hysterischen Symptoms war […der…] ins Unbewußte verwiesene Wunsch, der Mann, mit dem sie damals ein Gespräch geführt, möchte doch herzhaft zugreifen und ihr einen Kuß aufdrängen. Nun taucht einmal nach Beendigung einer Sitzung ein solcher Wunsch in der Kranken in bezug auf meine Person auf; sie ist entsetzt darüber, verbringt eine schlaflose Nacht und ist das nächste Mal, obwohl sie die Behandlung nicht verweigert, doch ganz unbrauchbar zur Arbeit. Nachdem ich das Hindernis erfahren und behoben habe, geht die Arbeit wieder weiter und siehe da, der Wunsch, der die Kranke so erschreckt, erscheint als die nächste, als die jetzt vom logischen Zusammenhange geforderte der pathogenen Erinnerungen.« (a. a. O., S. 309). Es liegt eine große Gefahr darin anzunehmen, dass das, was eine Analysandin erschrecken lässt, letztlich immer auf den verdrängten Wunsch zurückführbar wäre, dass genau das geschehen möge, was bewusst als ängstigend erlebt wird. Das steht in einem größeren Kontext einer Diskussion über Freuds Annahmen zur sogenannten Verführungstheorie (vgl. Storck, 2018b, S. 16ff.).

Im Wunsch nach einem Kuss tritt, so Freuds Erklärung, der »Inhalt des Wunsches« ins Bewusstsein, jedoch ohne »Erinnerungen an die Nebenumstände«, d. h. ohne ein Bewusstsein dessen, in welchem Kontext der Wunsch biografisch steht. Als nächstes werde »der nun vorhandene Wunsch […] durch den im Bewußtsein herrschenden Assoziationszwang mit meiner Person verknüpft« und dabei »wacht derselbe Affekt auf, der seinerzeit die Kranke zur Verweisung dieses unerlaubten Wunsches gedrängt hat«. Bei der Fantasie nach einem Kuss durch Freud handelt es sich um ein »nach altem Muster neu produzierte Symptom[.]« (Freud, 1895d, S. 309). Sie hat eine (zunächst unerkannte) Vorgeschichte in der Biografie und der entscheidende Erkenntnisgewinn besteht darin, dass so ein Glied als Teil einer Kette gebildet wird, die zuvor nicht erkennbar gewesen ist. Von diesem Erleben nun wird in der analytischen Arbeit der Weg »zurück« entlang der Kette »pathogener Erinnerungen« genommen, hin zum Kontext des konflikthaften Wunsches.

Bei solchen Übertragungen handele es sich Freud zufolge um eine »Täuschung […], die mit Beendigung der Analyse zerfließe«. Es sei nötig, den Patientinnen »die Natur des ›Hindernisses‹ klar zu machen«, andernfalls komme es zur Produktion eines neuen hysterischen Symptoms (a. a. O., S. 310f.). Zu dieser Zeit erscheint der Umgang mit Widerstand und Übertragung verblüffend einfach: Es wirkt, als reiche es aus, die Analysandinnen darauf hinzuweisen. Ein Hindernis bleibt es gleichwohl: »Ich war anfangs über diese Vermehrung meiner psychischen Arbeit recht ungehalten, bis ich das Gesetzmäßige des ganzen Vorgangs einsehen lernte« (a. a. O., S. 310). Zunächst nimmt er an, dass durch die beschriebenen Vorgänge alles unnötig kompliziert werde, dann erkennt er, dass sie Teile des Prozesses in analytischen Behandlungen sind, verstanden werden können und auf die Aufgabe des therapeutischen Durcharbeitens verweisen.

In die Zeit der Studien über Hysterie fällt auch die Behandlung, die Josef Breuer mit seiner Patientin Anna O. durchführte. In rückblickender Betrachtung schreibt Freud dem Kollegen eine wichtige Rolle in der Entwicklung des Übertragungskonzepts zu: »Breuer stand zur Herstellung der Kranken der intensivste suggestive Rapport zu Gebote, der uns gerade als Vorbild dessen, was wir ›Übertragung‹ heißen, dienen kann.«. Ihm sei jedoch »die allgemeine Natur dieses unerwarteten Phänomens« entgangen, »so daß er hier, wie von einem ›untoward event‹ betroffen, die Forschung abbrach« (Freud, 1914d, S. 49). Breuer habe Übertragungsphänomene nicht für den analytischen Prozess genutzt und konzeptualisiert.

Breuer führt mit seiner Patientin Anna O. zwischen 1880 und 1882 eine Behandlung durch, im Zuge derer er sie zum Teil auch zwei Mal am Tag sieht. In dieser Behandlung nehmen einige wichtige theoretische Entwicklungen der Psychoanalyse ihren Ausgangspunkt, so etwa der Gedanke einer »Amnesie« im Sinne des dynamisch Unbewussten, die Idee des Widerstands, der Verdrängung, der unbewussten Fantasie und schließlich der Übertragung. Von Anna O. stammen Formulierungen über ihr »Privattheater« aus Fantasien oder die Kennzeichnung der Psychoanalyse als »talking cure«. Anna zeigt eine vielfältige Symptomatik aus Kopfschmerzen, Lähmungen, dissoziativen Phänomenen, Stimmungsschwankungen und einer Desorganisation der Sprache (»erst mehrere Monate später gelang mir, sie davon zu überzeugen, daß sie Englisch rede«; [Breuer, 1895, S. 225]), teils Mutismus, Suizidalität und Nahrungsverweigerung. Als Ausgangspunkt der Symptombildung gilt für Breuer eine schwere Krankheit des Vaters, die im Verlauf zu dessen Tod führte.

Breuer beschreibt einen Rückgang der Symptome, »nachdem sie ›aberzählt‹ waren« (a. a. O., S. 240). Diese Figur ist in der Frühzeit der Psychoanalyse, auch bei Freud, zentral und folgt der Annahme einer Katharsis: Bei der Heilung geht es darum, »eingeklemmte« Affekte abzureagieren, sie wieder mit Vorstellungen zu verknüpfen und in der Behandlung zur Sprache zu bringen. Freud kommentiert die Breuer’sche Behandlung in einem Brief an Stefan Zweig vom 2.6.1932 folgendermaßen: »Was bei Breuers Patientin wirklich vorfiel, war ich imstande, später lange nach unserem Bruch zu erraten […] Am Abend des Tages nachdem alle ihre Symptome bewältigt waren, wurde er wieder zu ihr gerufen, fand sie verworren, sich in Unterleibskrämpfen windend. Auf die Frage, was mit ihr sei, gab sie zur Antwort: Jetzt kommt das Kind, das ich von Dr. B. habe. In diesem Moment hatte er den Schlüssel in der Hand […], aber er ließ ihn fallen. […] In konventionellem Entsetzen ergriff er die Flucht, und überließ die Kranke einem Kollegen.« (Freud, 1960, S. 405f.)

Freuds erster Biograf, Ernest Jones (selbst Analytiker und enger Vertrauter Freuds), schreibt dazu: »Offensichtlich hatte Breuer für seine interessante Patientin das entwickelt, was wir heute eine starke Gegenübertragung nennen. Auf alle Fälle scheint er von nichts anderem gesprochen zu haben, so daß es seiner Frau lästig zu werden begann und sie schließlich eifersüchtig wurde. […] Als Breuer […] nach langer Zeit endlich den Grund ihres Gemütszustandes erriet, kam es bei ihm zu einer heftigen Reaktion – wahrscheinlich eine Mischung von Liebe und Schuldgefühl –, und er beschloß, mit der Behandlung aufzuhören.« (Jones, 1960, S. 267). Anna O. war der Überzeugung, von Breuer schwanger zu sein und eine sexuelle und Liebesbeziehung mit ihm geführt zu haben, die Rede ist von einer »hysterischen Geburt« bzw. Phantomschwangerschaft. Jones formuliert weiter: »Trotz seines Schreckens gelang es ihm, sie durch Hypnose zu beruhigen, bevor er entsetzt das Weite suchte. Tags darauf fuhr er mit seiner Frau nach Venedig auf seine zweite Hochzeitsreise« und zeugte dort, so Jones, eine Tochter (a. a. O., S. 268f.). Einiges in der Darstellung Jones’ ist erwiesenermaßen falsch. Breuer fuhr offenbar nicht reaktiv nach Venedig und auch die Geburt bzw. Zeugung der Tochter passt zeitlich nicht zum Ende/Abbruch der Behandlung mit Anna.

2.1.2     Eine weite Begriffsfassung von Übertragung in der Traumdeutung

Anders als Breuer widmet sich Freud der Konzeptualisierung solcher Phänomene. In den Jahren vor der Veröffentlichung der Traumdeutung und parallel zum Erscheinen der Studien über Hysterie arbeitet Freud an seinem neuropsychologischen Modell des Psychischen, in dem es um Besetzungen, Erregungsweiterleitung und Hemmung geht sowie darum, wie Vorstellungen miteinander verknüpft und assoziiert sind. Hier entwickelt Freud die Grundzüge der psychoanalytischen Abwehrtheorie oder von Primär- und Sekundärprozess als zwei Weisen, in denen psychische Abläufe vor sich gehen können. Als Vorläufer des Übertragungskonzepts ist insbesondere das Modell von Assoziativität relevant: Ähnlich wie zuvor in der »Reihe pathogener Erinnerungen« geht es nun um Überlegungen dazu, wie Vorstellungen auch dann miteinander verknüpft sein können, wenn diese Verbindungen nicht bewusst erlebt werden, und darum, auf welchem Weg etwas bewusst werden kann.

Freuds Überlegungen in der Traumdeutung sind eingebunden in ein allgemeines Konfliktmodell aus Wunsch und Verbot bzw. Abwehr. Im Traum, so die Annahme, ist die psychische Zensur, die darüber befindet, welche Vorstellungen für das bewusste Erleben annehmbar sind, »gelockert«, sie wirkt weniger streng. Nichtsdestoweniger wirken auch im Traum Mechanismen der Umarbeitung, Freud nennt vor allem die Verschiebung und Verdichtung, hinzu tritt die Rücksicht auf (bildlichszenische) Darstellbarkeit und die sekundäre Bearbeitung. Die Traumdeutung selbst als Rückgängigmachen der Mechanismen der Traumarbeit versteht Freud als »via regia« zum Unbewussten (1900a, S. 613f.): Indem nachvollzogen wird, wie sich der manifeste Trauminhalt gebildet hat, können die latenten Traumgedanken erkannt werden. Dieses Nachvollziehen geschieht einzig über die freien Einfälle in der analytischen Stunde – statt entlang einer vorgefertigten, überindividuellen Zuordnungen von Traumsymbolen zu unbewussten Bedeutungen.

Auf diese Weise wird nicht unmittelbar »das Unbewusste« erkannt, sondern vielmehr die Mechanismen der Umarbeitung und die Assoziationsketten, also Verbindungen innerhalb der Vorstellungswelt, die zuvor als solche nicht dem Bewusstsein zugänglich gewesen sind. Eine besondere Bedeutung erfährt in der Freud’schen Konzeption dabei der Tagesrest als ein »notwendiges Ingrediens der Traumbildung« (1900a, S. 568). Freud nimmt an, »daß in jedem Traum eine Anknüpfung an die Erlebnisse des letztabgelaufenen Tages aufzufinden ist« (a. a. O., S. 170; Sperrung aufgeh., TS). Die Einbindung eines solches Tagesrestes folgt einem psychologischen Vorgang, »durch welchen […] das gleichgültige Erlebnis zur Stellvertretung für das psychisch wertvolle gelangt« (a. a. O., S. 182). Das Aktuelle taucht nicht nur aus Gründen der zeitlichen Nähe im Traum auf, sondern auch aufgrund einer gewissen Ungefährlichkeit, die es dafür geeignet sein lässt, dass sich anderes darin einkleidet. Aus Freuds Sicht ist es so, »als ob eine Verschiebung – sagen wir: des psychischen Akzents – auf dem Wege jener Mittelglieder zustande käme, bis anfangs schwach geladene Vorstellungen durch Übernahme der Ladung von den anfänglich intensiver besetzten zu einer Stärke gelangen, welche sie befähigt, den Zugang zum Bewußtsein zu erzwingen« (a. a. O., S. 183; Sperrung aufgeh., TS). Es gibt etwas psychisch besonders Bedeutsames, das dem Bewusstsein jedoch nicht zugänglich werden darf, so dass stattdessen etwas damit assoziativ Verbundenes bewusst wird (im Rückgriff auf aus dem Tag »Verfügbares«). Die Ereignisse des Tages liefern eine Art von Pool an Bildern, so dass Unbewusstes verkleidet bewusst werden kann. Im Hintergrund stehen hier (auch) psychophysische Modelle (wie Freud sie bei Fechner findet), in denen die Idee einer Bewusstseinsschwelle eine Rolle spielt, die bestimmte Reize überschreiten, andere nicht (vgl. Storck, 2019a, S. 27ff.).